Dritte Seite

Angesichts ihrer inflationären Zunahme könnte man fast meinen, die „Dritte Seite“ sei, ebenso wie das Deckblatt, eine Erfindung der Papierindustrie; oder der Autoren von Bewerbungsratgebern; oder von geschäftstüchtigen Karrierecoaches. Zwingend erforderlich ist die Dritte Seite nicht. Entscheidet man sich aber „pro“ – eben weil man aufgeschnappt hat, ein solches Extra-Blatt gehöre zum „State of the Art“ – dann drängen sich womöglich einige Fragen auf: Wie benennen?, was schreiben?, wie viel?, in welchem Stil?, wo das Blatt einsortieren? Man konsultiert also das www und durchforstet vielleicht sogar Bücher. Um am Ende zur Feststellung zu gelangen, dass sich die vorgebliche Fachwelt nur in genau einem Punkt ziemlich einig ist: Die „Dritte Seite“ heißt deswegen so, weil sie an dritter Position folgt – nach Anschreiben und Lebenslauf (bekanntlich kann letzterer auch mehrseitig sein; das Deckblatt zählt offenbar nicht als Seite). Alle anderen Fragen werden von den Profis keineswegs einheitlich beantwortet. Und auch die DIN 5008 hilft hier nicht weiter. Ist dies nun ein Drama? Nein! Denn das heißt: (a) man darf kreativ sein; (b) es gibt keine Regeln, die man brechen könnte; (c) die Beurteilung einer „Dritten Seite“ ist total subjektiv.

 

Sinnvoll ist sie ganz klar dann, wenn ihr etwas Relevantes zu sagen habt, das an anderer Stelle keinen Platz findet (im Anschreiben oder Lebenslauf). Überflüssig und ärgerlich ist sie dann, wenn sie mit erkennbar abgeschriebenen Führungsleitlinien, redundanten Informationen oder einem zusammenhangslosen, lediglich in großen Lettern gesetzten Zitat aufwartet.

 

Ein Positivbeispiel: Die Diplom-Betriebswirtin aus der Oberpfalz mit fünf Jahren Berufserfahrung hat ein Jahr lang in China gearbeitet. Dort wurde sie, wie wir nicht erst seit den Olympischen Spielen in Peking wissen, mit völlig anderen Traditionen, Ritualen, Werten und Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen (als in der Oberpfalz) konfrontiert – hinsichtlich Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur. Diese Erfahrungen kann ihr keiner nehmen, und sie sind äußerst wertvoll. Wie hat sie sich zurecht gefunden? Was hat sie gelernt? Worin bestand ihr Nutzen? Solche Dinge können für den neuen Arbeitgeber (etwa in Deutschland) aufschlussreich und also von Interesse sein. Zumal andere Oberpfälzer Betriebswirte, deren China-Wissen allenfalls angelesener d. h. theoretischer Natur ist, Vergleichbares nicht berichten können. Sie fasst ihr China-Jahr also auf einer (dritten) Seite zusammen. Und nimmt dabei vielleicht noch Bezug auf eine chinesische Weisheit. Eine aussagekräftige Überschrift über das Ganze – perfekt!

 

„Hm, ich war aber nicht in China“, wabert es euch durch die Birne, „was schreib ich bloß?“ Kein Problem. Es gibt genügend andere Ereignisse, die weder im Anschreiben noch im Lebenslauf sinnvoll ausführlich gewürdigt werden können. Ein paar Beispiele: die empirische Diplomarbeit, eine Weltreise (ohne einen Cent), die einjährige Auszeit im Kloster, eine überlange Studiendauer (bedingt durch mehrere Studienfachwechsel und viele Jobs), die eigene Patentanmeldung, eine nebenbei betriebene Selbstständigkeit. Manches davon ist erklärungsbedürftig. Macht ein nettes Extra draus! Überlegt euch einfach, womit ihr den Leser beeindrucken könnt. Wichtig: auf einer Seite bleiben.

 

Falls euch jetzt einfällt, zu mehreren spannenden Themen etwas loswerden zu wollen: Prüft eure Ideen zunächst auf Relevanz, indem ihr euch kurz in den Leser versetzt. Der kennt euch nicht und soll euch aber kennen lernen, von euren besten Seiten natürlich. Habt ihr tatsächlich mehrere beste Seiten? Oooohkaaay. Es spricht prinzipiell nichts gegen eine vierte und fünfte Seite. Dann sollte aber Schluss sein. Und lest bitte in diesem Zusammenhang unbedingt noch die Ausführungen zum Stichwort Profil.

Das andere Bewerbungslexikon

Marke corvus albus ®

Dipl.-Sozialwirtin

Barbara Späth

Autorin & Kontakt

Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Sie haben Fragen, sehen Handlungsbedarf oder möchten Zugang in einen passwortgeschützten Bereich? Sie wollen mich als Referentin, Autorin, Bewerbungscoach oder -trainerin gewinnen?

 

Rufen Sie mich einfach an: (06321) 958 75 61. Anschrift und E-Mail-Formular finden Sie im Impressum (unten links).

 

Ich freue mich auf Ihr Feedback, Ihren Kommentar, Ihre Anfrage! 

 

Ausführliche Informationen zu mir, der Marke "corvus albus", meinen Qualifikationen, Kunden und Angeboten finden Sie im Spaethprogramm.

You are what you share.