Chaos (in Laos)

„’54,’74,’90, 2006“. Na, wer hat das damals gesungen? Richtig, die Sportfreunde Stiller. Anlässlich der Fußball-WM 2010 ist der Hit, leicht abgeändert, wieder in aller Munde. Bestimmt kennt ihr von den Sportfreunden auch „Pogo in Togo“. Das geht so: Chaos in Laos - Drums in the slums - No french toast in Ivory Coast - but Pogo in Togo (…). Beide Songs stammen aus dem Album „You Have To Win Zweikampf“, erschienen zur WM 2006 (für die sich Togo überraschend qualifiziert hatte). Und irgendwie passen sowohl das „Chaos in Laos“ als auch der Albumtitel als auch das Fußballthema hervorragend zur Geschichte des Herrn F., die ich euch jetzt erzählen möchte.


Herr F., 51, ist Bayern-München-Fan, Facharbeiter, und fürchtet um seinen Job. Seine letzten Bewerbungserfahrungen liegen viele Jahre zurück. Jetzt will er noch mal voll durchstarten. Indem er sich per Briefpost bei Konkurrenzunternehmen bewirbt. Seinen Lebenslauf hat er nach bestem Wissen und Gewissen aktualisiert. Zwei Seiten, zwei Farben, Blau für Überschriften, Schwarz für den Fließtext. Es geht ums Ausdrucken. Keine halben Sachen. Also vorsichtshalber gleich zwanzig Mal. Nicht im Firmenbüro versteht sich, sondern zuhause. Dort, im Regal, ein Stapel handelsüblichen Schreibmaschinenpapiers (80 g, reinweiß, holzfrei), seit Jahren vor sich hin gilbend; im Zimmer des pubertierenden Sohnemanns ein funktionsfähiger Tintenstrahldrucker. Geschafft.

 

Tage später, die Deckblatt-Datei ist fertig, inklusive eingebautem Foto. Da das 80 g-Papier alle ist, greift Herr F. zu ein paar schönen 140 g-Bögen (Elefantenhaut) aus der Bastelecke der Gattin. Als nächstes sind die Anschreiben dran. Na gut, erst mal ein Exemplar. Ein Fenster poppt auf: Yellow und Cyan sind fast leer, der Drucker verweigert seine Dienste. Hmmmh, fix Kumpel Horst angerufen, ihm die Datei gemailt und hingefahren. Horst ist stolzer Besitzer eines Laserdruckers, wenn auch nur schwarz-weiß. Und empfiehlt sein besonders edles Papier, eines mit Wasserzeichen. Wieder zuhause, pfriemelt unser Kandidat die insgesamt vier Blätter in die Schiene der eigens gekauften Bewerbungsmappe. Merkwürdig dünn das Ganze. Klar, die Zeugnisse. Ganz vergessen. Also ab in den nächstbesten Copy-Shop. Im angesteuerten Einzugsfach des Hochleistungsgeräts liegt 120 g-Papier, vermutlich noch vom Vorbenutzer. Die gestochen scharfen Kopien gefallen Herrn F.; die stärkere (und teurere) Papierqualität bemerkt auch die Aushilfskraft an der Kasse nicht.

 

Zurück in den eigenen vier Wänden erfolgt die Endprozedur: Mappe vervollständigen und eintüten. Zur Feier des Tages gibt es zwei Zigaretten dazu. Ach ja, der Umschlag, zufällig ist einer im Haus. Absender- und Adressetiketten zu drucken, darauf hat Herr F. gerade keine Lust. Handschriftlich muss es doch auch gehen, wer achtet schon auf den Umschlag? Er nimmt also den nächstbesten Kugelschreiber. Damit das Kuvert unterwegs fest verschlossen bleibt, klebt er noch ein Fußballsammelbildchen (WM 2010) auf die Verschlusslasche.

 

Ein Albtraum? Nein, so was gibt’s wirklich. Herr F. steht stellvertretend für ca. 30 % meiner Klienten. Er ist weder effektiv noch effizient vorgegangen. Sondern chaotisch. Der Leser bekommt in einer Mappe gleich vier verschiedene Papiersorten serviert; eine deutliche Zigarettenrauchnote gratis dazu. Im konkreten Fall lässt sich der konservative Chef vorab den Umschlag zeigen. Er bemerkt sofort die kleine, enge, nicht auf der imaginären Zeile bleibende Handschrift. Sie verläuft bergab und wirkt auch sonst wenig optimistisch und dynamisch. Schmierer und unterschiedliche Strichstärken verraten die Launenhaftigkeit des Billigkugelschreibers und die Wurstigkeit des Bewerbers. „Hauptstrasse“ zeigt lückenhafte Rechtschreibkenntnisse und „z. Hd.“ eine erste Missachtung der DIN 5008. Das Anschreiben kann nicht bequem separiert werden, weil es zusammen mit den anderen Unterlagen in der Schiene eingeklemmt wurde. Lesen lässt es sich nur mit Irritationen, denn durch das Wasserzeichenpapier scheint die nachfolgende Seite. Auf dem Deckblatt präsentiert Herr F. ein tintengestrahltes, pixeliges Konterfei (mit Farbstich). Als der Chef in der Mappe blättert und drei Sekunden lang beim Lebenslauf verharrt, verwischt die Farbe. Mit Spuren bläulichschwarzer Tinte am Daumen verliert er endgültig das Interesse. Genervt legt er die Mappe auf den Absagestapel.

 

Fazit: Sport(s)freunde – you have to win Zweikampf mit dem Drucker. Otherwise play soccer. Or go for pogo in Togo!

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Dipl.-Sozialwirtin

Barbara Späth

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